?land / Heldenberg, Kleinwetzdorf, 2002

HELDENBERG


Am Morgen des 8.9.2002, einen heißen Spätsommertag nach den Ereignissen bei dem Knittelfelder FP Treffen, begibt sich Volksanwalt Ewald Stadler zur niederösterreichischen Gedenkstätte Heldenberg in der Nähe von Kleinwetzdorf, um dort auf einer "Radetzky - Feier mit Feldmesse" eine Ansprache zu halten.

Die Veranstaltung steht unter seinem, Verteidigungsminister Herbert Scheibners und des niederösterreichischen Landeshauptmanns Erwin Pröll Ehrenschutz.Der freiheitliche Damals- Noch-Klubobmann Peter Westenthaler am 09. 09. 2002 im ORF-ZiB1 Interview nach der Rolle Volksanwalt Ewald Stadlers beim Aufstand der FP - Funktionäre gefragt, meint, dieser hätte Geister gerufen, die er nicht mehr losgeworden sei.

Der Vortag zu diesem Interview (08. 09. 02) ist der Tag nach den Ereignissen des Knittelfelder FP-Treffens zu denen Peter Westenthaler befragt wurde. Frühmorgens begibt sich Volksanwalt Ewald Stadler zur niederösterreichischen Gedenkstätte Heldenberg in der Nähe von Kleinwetzdorf (NÖ), um dort auf einer "Radetzky - Feier mit Feldmesse" eine Ansprache zu halten. Die Veranstaltung steht unter seinem, Verteidigungsminister Herbert Scheibners und des niederösterreichischen Landeshauptmanns Erwin Pröll Ehrenschutz.

Die Gedenkfeier auf dem mit 280 Metern nicht gerade hohen Heldenberg findet in geschichtsträchtigem Rahmen statt, nämlich auf einer Ruhmesstätte österreichischen Heldentums, die Mitte des 19. Jahrhunderts aus den privaten Mitteln des aus ärmlichen Verhältnissen aufgestiegenen Armeelieferanten Josef Gottfried Parkfrieder errichtet wurde.
Im spätklassizistischen Stil gehalten, bestücken die Anlage: Eine Art Ehrenhalle, ursprünglich zur Unterbringung einer ständigen Militärmannschaft vorgesehen, Siegessäulen, 142 Hohl - Büsten österreichischer Armeeführer und Kaiser aus damals modernem Zinkguss und, der Ehrenhalle gegenüber, ein echtes Mausoleum in Form eines Obelisken.
In diesem liegen zur letzten Ruhe: Maximiliam Freiherr v. Wimpffen und J.J.W. Graf Radetzky der Bezwinger Napoleons (die beiden Feldmarschälle schlugen 1848/49 die italienischen und ungarischen Aufstände gegen die Herrschaft der Habsburger nieder).

Zu Füßen ihrer beider Gräber liegt dasjenige des Armeelieferanten Pargfrieder, der es schaffte, die beiden Herren testamentarisch zu verpflichten, sich auf seiner Anlage, zu seiner Seite, begraben zu lassen, indem er ihnen im Gegenzug ihre Spielschulden beglich. In der Gruft, dem Eingang gegenüber angebracht, ist der auch semantisch bemerkenswerte Spruch zu lesen:
„Weh dem, der unsere Ruhe stört. Wir sind nicht todt, weil wir schweigen.“

Kurz vor neun Uhr Morgens nehmen vor dieser Kulisse, unter schmissiger Marschmusikbegleitung, Garden, vor allem aus jungem Nachwuchs bestehend, in mit Stolz getragenen historischen Uniformen aus vergangenen Jahrhunderten, nebst hohen Gästen aus Polizei und Bundesheer auf den Stufen der Ehrenhalle Aufstellung.

Es wird "Meldung an den Höchstanwesenden" erstattet: 5384 Personen seien zur Feier eingetroffen - ob man die Feier beginnen könne? Der so informierte Höchstanwesende erteilt den Befehl:
"Feier beginnen!" Auf das folgende Kommando: "Parade, habt Acht!" nehmen rund 3000 Angehörige von Kameradschafts- Traditions- und Soldatenverbänden aus Österreich und Mitteleuropa, unter ihnen auch solche mit Uniformen beider Weltkriege, stramme Haltung an. Gespräche verstummen.

Ein leiser Wind weht durch schwere Fahnen und mächtige Helmbuschen. Den sitzen gebliebenen Besuchern der Gedenkfeier wird durch das ungeduldige Handzeichen eines Offiziers bedeutet, sich von ihren zwischen Ehrenhalle und Mausoleum aufgestellten Sesselreihen zu erheben. Sie erheben sich.
Unmittelbar hinter ihnen werden drei markerschütternde Schüsse einer Kanone aus dem ersten Weltkrieg abgefeuert.
Ein nochmaliges Kommando ergeht: " Parade, ruht!" Etwas unschlüssig setzen sich die Zivilisten. Die Uniformträger bleiben stehen.

In einer halbstündigen Begrüßungsansprache werden honorige Gäste aus Wirtschaft, Kirche, Adel, Exekutive und Politik für ihr Kommen bedankt, befindet der Bürgermeister der Gemeinde Heldenberg, die "Radetzky - Feier" wäre keine Bühne für Politik und werden Grußworte aus aller Welt verkündet.

Ein kerniger Bayer beginnt die seinen mit der Erklärung, er müsse aufpassen, sonst hätte er hier gleich den Staatsanwalt am Hals und erntet verständnisvolle Lacher. Er berichtet vom beklagenswerten Zustand der deutschen Bundeswehr unter einer rot-grünen Regierung und schließt mit der hoffnungsvollen Ankündigung, sowie in Österreich, werde auch in Deutschland die Anstrengung vernünftiger Kräfte wieder für ordentliche Zustände sorgen.
Unter aufmunternden Applaus verlässt er das Podium.

Daraufhin besteigt Volksanwalt Ewald Stadler in seiner Funktion als Festredner die Stufen zum Rednerpult, begrüßt die anwesenden Journalisten, meint aber sie enttäuschen zu müssen, - er gäbe heute keine Feuerrede (Gelächter, Bravorufe). Was der Magister dann folgen lässt, ist auch wirklich bloß eine vergnügliche Freiluftstunde in Geschichte.

Er erhebt die Heldenberg-Gedenkstätte zum österreichischen Walhalla, schildert den Werdegang Radetzkys zum ruhmreichen Sohn Österreichs, zitiert Grillparzer: "Glück auf mein Führer, führ´ den Streich - in deinem Lager ist Österreich!" (Der Dichter meinte den Feldmarschall), setzt etwas unvermittelt Radetzkys historische Bedeutung für Österreich mit derjenigen einer von sowjetischen Besatzungsmächten nach Russland verschleppten Niederösterreicherin gleich, stützt diese erkannte Ähnlichkeit mit einer von ihr entworfenen Ehrenschleife für einen Kameradschaftsbund, die eilfertig und zur besseren Sichtbarkeit auf ein Mikrophon gelegt wird und kommt so eher zufällig auf die Behandlung der österreichischen Nachkriegszeit im Kontext objektiver Geschichtsbetrachtung zu sprechen.

Hier fragt er sich bestürzt, wo die Feministinnen denn seien, wenn es um das Schicksal zigtausender vergewaltigter Frauen ginge, schlägt vor, sich, statt auf deren und gewisser "Gutmenschen" verfälschende Sehweise der Vergangenheit, ganz auf Berichte von Zeitzeugen zu verlegen, von denen in der anwesenden Versammlung ja einige, Gott sei Dank!, noch am Leben wären und fordert gewiss in aller Sinne, dass: "...freie Meinungsäußerung nicht zum halsbrecherischen Unternehmen wird!".

Schließlich gipfelt er in der Feststellung: "Diese Radetzkyfeier ist ein lebender Beweis dafür, dass hier die Unabhängigkeit zu Land und in der Luft...", wiederholt: "...Zu Land und in der Luft - (Einige heben ihre Blicke) gewährleistet ist!"
Nach dieser eindrucksvollen Beweisführung beteuert der Volksanwalt, dass zur weiteren Verteidigung dieser Unabhängigkeit der Ankauf von Abfangjägern einfach unerlässlich sei und entfernt sich unter pflichtschuldigstem Applaus rasch vom Pult.

Eine Ehrenmitgliedschaft auf Lebzeiten wird vergeben.

Nach nochmaligem Abfeuern der Kanone, beginnt ein Militärkaplan, zwischen Kandelabern und Kirchengerät, das Kyrieeleison zu murmeln, verlässt das Lateinische, um von Jesus bei den Pharisäern (Luk. 12, 4) zu berichten, welche den Christus einluden um ihn auszuhorchen. Er ermutigt alle Anwesenden dem Beispiel des Erlösers zu folgen, sich nicht den Mund verbieten zu lassen, auch wenn „Zeitgeist und Spitzeltum“ das opportun erscheinen ließen und spricht mit zunehmendem Verve vom im Gange befindlichen Verfall sittlicher Werte, der der Eroberung eines Landes durch fremde Mächte immer vorausginge. Als Beispiel für diesen Prozess führt er unlängst erschienene, zur Verwendung an Schulen bestimmte Aufklärungsliteratur an, welche nur als pornographisch zu bezeichnen wäre - ja, selbst einen Lenin erröten ließe!

Zwar wäre es nicht immer leicht, gegen derartige Umtriebe das Wort zu erheben und brächte oft Benachteiligung mit sich, aber: "Gott hilft uns, wenn andere ihre Waffen zücken ..." Die abschließende Klage über eine gewisse revolutionäre Schichte, die verdiente Veteranen zu Verbrechern verurteile, endigt mit der Aufforderung: "Jenen, die uns beobachten, nicht Anlass zu Ärgernis zu geben, sondern zeigen: Es ist uns ernst damit (...)!" der Rest ist unverständlich.

Unter weiterem Kanonendonner fällt der Feldprediger wieder ins Lateinische.
Ein untersetzter Herr in Anzug breitet sorgfältig ein Taschentuch auf den
Kiesboden, nimmt den Hut ab, und kniet nieder in Richtung Obelisken, dem Radetzky - Mausoleum, um ein Stoßgebet zu verrichten.
Im selben Moment bilden die Ehrengäste mit den ranghöchsten Anwesenden eine Delegation und schreiten eilig durch die inzwischen verlassenen Sesselreihen um in den Tiefen des Obelisken die Kranzniederlegung zu begehen.

Ein Kind ruft beim Anblick der sich zur abschließenden Parade formierenden Verbände und zweier Reiter in Dragoneruniform begeistert in sein Handy: "Ja Zinnsoldaten sind hier. Weißt´ wie viele? Es sind Tausende!"

Unweit davon eröffnet ein Veteran einem jungen Fotografen, er, der Veteran, wäre damals bei der SS gewesen, und zwar bei der Totenkopfbrigarde, krempelt zum Beweis seinen Ärmel hoch und zeigt seine Tätowierung.

Als die an der Kranzniederlegung Beteiligten der Gruft entsteigen, um wieder ihre Plätze auf den Stufen einzunehmen, hat sich ein Großteil der Besucher zur am Eingang der Anlage stattfindenden Weinverkostung begeben.

Nach kurzem einleitenden Gespräch über böhmische Musikinstrumente und das schöne Oberösterreichische mit seinen Hermann Göring - Werken, wie sie damals eben genannt wurden, eröffnet ein Veteran einem jungen Fotografen, er, der Veteran, sei damals bei denen von der SS gewesen, und zwar bei der Totenkopfbrigarde, bei der Elite also, wie das damals eben so gesagt wurde - er krempelt zum Beweis seinen Ärmel hoch und zeigt seine Tätowierung.

Ungeachtet des von der Weinverkostung herübertönenden Lärms der inzwischen zur Gänze dort versammelten Besucher, ziehen, unter der Marschmusik sich abwechselnder Militär - und Bürgerkapellen, die Abteilungen diverser Verbände abschließend an den Stufen der Ehrenhalle vorbei, auf denen nach wie vor die Ehrengäste und Garden vor den leeren Sesselreihen ausharren. Darunter, sozusagen auf der untersten Stufe und damit in Reichweite der Fahnenträger, steht Volksanwalt Ewald Stadler, der den schwer Tragenden
freundlich zulächelt.

Am Nachmittag desselben Tages verkündet Vizekanzlerin Riess-Passer den Medien, dass sie und weitere freiheitliche Minister von ihrem Regierungsamt zurücktreten werden. Am nächsten Tag kündigt die blauschwarze Regierung Neuwahlen an.

Text: Bering, Foto: ?land, 11.September 2002